Gunter Gabriel: Auf diesem Hausboot lebte die Musik-Legende aus Hamburg

Wir erinnern uns: Harburger Binnenhafen, an einem Dienstag, 12 Uhr. Auf dem Gelände der Familienwerft Jöhnk verabschieden sich polnische Gastarbeiter in die Mittagspause. Nebenan sitzt Gunter Gabriel (†75) am ausladenden Holztisch seiner Hausboot-Küche, trinkt ein Glas Wasser – und erzählt vom Leben auf der Elbe, von Pleiten, Suff, Misserfolgen und den großen Erinnerungen seines Lebens. „Das Schiff hat mich freigemacht – von allem“, sagt der Musiker. „Klar hab ich meine Probleme, aber ich gehe heute anders damit um.“

Fast 20 Jahre lebte Gabriel auf seinem Dampfer, der „Magdeburg“, einem ehemaligen DDR-Arbeiterschiff. „Ich kam 1996 nach Hamburg. Das war nach der Zeit, in der ich mit meiner Tochter im Wohnwagen auf der Autobahn gelebt habe, weil ich 10 Millionen Mark versenkt hatte und pleite war.“ Zwischenzeitlich hauste er in drei Wohnwagen auf einem Schrottplatz nahe Hannover – „da musste ich raus“.

Seine ersten Monate in der Hansestadt verbrachte Gabriel im piekfeinen Pöseldorf, in einer Wohnung direkt an der Alster.

„War nicht schlecht. Kostete 5000 Piepen im Monat – aber ich verdiente ja wieder ganz gutes Geld. Nur: Da konnte ich nicht mal im Bademantel zum Einkaufen gehen – das war mir alles viel zu vornehm. Ich hatte mich an das freie Leben auf der Straße gewöhnt.“

Schnell war klar: Ein Hausboot musste her. „Monatelang suchte ich mit einem Freund nach dem richtigen Kahn, fuhr die ganzen Kanäle ab. Irgendwann fand ich das Ding hier.“ Gabriel zahlte 80.000 DM, richtete sich die Magdeburg nach seinen Vorstellungen her und zog damit die ersten zwei, drei Jahre unter die Köhlbrandbrücke – bis Ebbe und Flut ihn zu nerven begannen und er in den ruhigen Harburger Binnenhafen umzog. Hier, am Gelände der kleinen Familienwerft, liegt Gabriels Boot. Das Schiff verfügt über einen großzügigen Küchen- und Essbereich, eine Bibliothek, zwei Schlaf- und ein Wohnzimmer, Büro und Bad. „Sogar mit Whirlpool. Den hat mir mal ein Fan geschenkt.“

Rund 400 Quadratmeter groß ist der Kahn, ein mit Memorabilien, Büchern und Skurrilitäten vollgestopftes Country-Museum.

Alte Tourplakate, LPs, Notizen, Tagebücher und Fotos überall. Hinter der Bank am großen Küchentisch hängt ein Bild von Gunter mit Willie Nelson. „Klar, Willie. Ich hab viele Songs von dem aufgenommen. Er meinte, wenn ich mal ein Duett mit ihm machen will, soll ich mich melden. Den hab ich damals durch Johnny Cash kennengelernt.“

Auf Cash selbst traf Gabriel das erste Mal 1972. „Mein erster Song war geklaut von Johnny. Damit war ich in der ZDF-Hitparade. Das war an sich eine Komposition von Bob Dylan – „Wanted Man“, von der „Live in San Quentin“-LP. Bei mir wurde daraus dann ’Ich werd' gesucht in Bremerhaven, ich werd' gesucht in Wuppertal. Ich kann nachts nicht ruhig schlafen, denn man sucht mich überall.’ Meine Plattenfirma hat die Platte zu Cash nach Nashville gebracht – und der fand das super. Ich bin also rüber, hab den besucht – und dann wurde daraus eine Freundschaft. Das hätte ich nie gedacht. Ich dachte, nach einem Mittagessen sehe ich den nie wieder. War aber nicht so. Immer, wenn der in Deutschland war, rief er mich an. Wer hätte das gedacht?“

Das letzte Treffen mit der US-Ikone fand wenige Tage vor dessen Tod in Hendersonville,Tennessee statt: „Im Sommer 2003 rief Cash mich an. Ich war gerade von der Bühne gefallen, hatte einen Herzinfarkt gehabt. ’Come over to the states, sing my songs in german language.’ Warum? Das ist einfach großartig, da könnte ich mir ständig einen drauf runterholen. Eine Woche vor seinem Tod war ich noch bei ihm im Studio. Meine Tochter und ich, wir haben geweint – du glaubst nicht, wie der aussah, wie verkrüppelt der war. Wir konnten es nicht fassen. Und dann weinte er, als ich „Give my love to rose“ auf Deutsch sang. Da gehst du kaputt dran. Das hat lange auf mich gewirkt. Aber das finde ich groß, dass ich das erleben durfte.“ Lange zehrte er von diesen Erinnerungen, sagt Gabriel. Das sei für ihn das Größte. Neben der Freiheit.

Für die zahlte Gabriel monatlich 200 Euro. So viel kostete der Liegeplatz im Hafen. „Hier habe ich keine Sorgen. Und um Rente muss ich mir keine Gedanken machen. Ich habe nichts im Sack, verdiene aber ganz gut. Die Gitarre rettet mich – und das Boot hier.“ 400.000 Euro Schulden hat Gabriel in den vergangenen Jahren abgebaut, einen Großteil davon mit Wohnzimmerkonzerten bei Fans. 1.000 Euro kostet ein privater Liederabend mit ihm. Aus 500 geplanten Auftritten sind über 1.000 geworden. „Das ist die geilste Idee, die ich je hatte.“ Neben der mit dem Hausboot natürlich.

Ob er nicht doch manchmal von festem Boden unter den Füßen träume, fragen wir ihn? „Am besten noch wie Udo im Atlantic? Das ist für mich ein verfälschtes Leben. Das interessiert mich nicht. Meine Freundin aus Berlin will mich immer überreden, mit in eine Villa nach Köpenick zu ziehen – nie im Leben! Das ist ein einziger Friedhof da. Das Geklapper hier, das Treiben – das brauche ich."

Gabriel liebte die Freiheit auf seinem Boot, die Nähe zu den Werftarbeitern und die Loyalität in der Nachbarschaft.

„Das ist wie eine große Familie hier. Jeder kennt jeden und jeder hat einen Dachschaden – genau wie ich. Und Materielles spielt hier überhaupt keine Rolle." Über einen Umzug dachte er trotzdem nach, seit Jahren. Zurück nach Berlin sollte es gehen. Eigentlich. „Manchmal denke ich, ich bleibe doch hier... Aber ich muss weg. Das ist mein Wesen. Ich kann auch nicht 30 Jahre mit derselben Frau leben.“ Aber, versprochen: „Wenn ich hier abhaue, mache ich noch ne Platte mit Hamburg-Songs.“

Taxifahrer, Ansager im Strip-Club, Trucker – „Ich hab schon alles gemacht“, sagt Gabriel. Anfang 2016 zog er für RTL schließlich ins Dschungelcamp, hielt es dort aber nur wenige Tage aus. „Ich war vom Dschungel so geschwächt, dass ich zwei Monate lang nur im Bett lag. So kaputt war ich. Auf einmal funktionierte nichts mehr. Dann bekam ich auch noch einen Schlaganfall, dessen Folgen ich jetzt noch spüre. Ein paar Tage konnte ich nicht mehr reden, wusste nicht mal, wie ich heiße.“

Am fünften Tag der Show verließ Gunter auf eigenen Wunsch hin das Camp. „Dann kam der Psychologe, meinte: ’Du musst hier bleiben! Wir brauchen deine Sprüche.’ Aber ich konnte nicht mehr. Zu wenig Wasser. Ich brauche in meinem Alter drei, vier Liter Wasser jeden Tag – und zwar mit Mineralien. Da gab’s nur diesen Bach, mit Würmern und dem ganzen Scheiß. Das musste alles gekocht werden. Das haben die nicht gezeigt. Die wirkliche Dramatik haben sie nicht gezeigt...“

Egal, er bereute nichts. Der Dschungel habe ihm gezeigt, wo seine Grenzen liegen. „Und dass ich keine 14 mehr bin.“

Gabriel hatte noch Pläne für die Zukunft: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Und das kann ich auf dem Schiff. Ich bin ja nicht zum Müßiggang hier. Wir sind alle in derselben Situation: Irgendwann sterben wir. Halleluja. Das Leben ist vollkommen sinnlos. Alles eine große Scheiße. Da musst du etwas da reinpacken, dass du nicht verzweifelst. Und da ist die Musik natürlich das Beste.“

Ein Duett mit Udo Lindenberg wäre noch schön, fand Gunter. Das Lied war sogar schon fertig: „Wer tritt mal in unsre Schuh? Wer singt mal wie ich und du? Auf einem Hocker für’n Bier, wie Udo Jürgens am Klavier. Wer hat all die Songs geschrieben, die die Leute ja so lieben... Aber seine Managerin sagt, das wird der nie machen.“ Aufdrängen wollte er sich nicht.

Gunter verriet uns außerdem: „Morgen muss ich erst mal nach Berlin, die Steuer will 250.000 Euro auf’n Tisch haben – hab ich nicht. ‚Aber du hast doch im Dschungel 300.000 bekommen?’ Ja, aber das Geld ist schon längst verteilt. Ich habe denen gesagt: Ich bin 75 Jahre alt, ich humple, ich hab Hämorrhoiden, ich hab Prostata, ich rieche aus’m Mund, habe Sackratten, bin total im Arsch – da haben sie mir schon mal 120.000 erlassen.“ Gunter lacht und verabschiedet sich von uns. Leider zum letzten Mal, denn am 22.6.2017 starb der Sänger durch eine Halsverletzung bei einem Treppensturz.

  1. "Das Schiff hat mich befreit" – Gunter Gabriel auf seinem Hausboot

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  2. Gesucht – Gabriels erste Langspielplatte

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  3. Wanddeko auf Gabriels Hausboot

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  4. Geschieden aber nicht gescheitert: Gabriel war viermal verheiratet

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  5. Gunter Gabriel am großen Esstisch in seiner Hausboot-Küche

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  6. Gunter Gabriel auf seinem Hausboot in Hamburg

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  7. Dobro-Gitarre und Rettungsring

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  8. Gabriel auf dem Deck seines Schiffes

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  9. Gunter Gabriel mit Dobro-Gitarre auf seinem Hausboot

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  10. Die Lederschuhe in der Küche stammen von Elvis Presley

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  11. Gabriel auf der 'Magdeburg'

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  12. Gibson-Gitarre in Gabriels Wohnzimmer

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  13. Gunter Gabriel nimmt kein Blatt vor den Mund.

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  14. Gabriels Büro und Bibliothek

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  15. Gunter Gabriel in seinem Büro

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  16. Hausboot-Reeling

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  17. Die "indische Suite" im hinteren Teil der Magdeburg

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  18. Gabriel mit Rettungsring

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